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Eine denkwürdige Zeit

Einige brachten Fotos mit ... andere hatten Flitterkram dabei, der nun kostbarer als Gold war. Teufel auch ... Lieutenant Jackson brachte sogar ein Stück Holz aus den Trümmern dessen mit, was vor der Ankunft der Bane einmal ihr Haus war. “Nehmt nur mit, was ihr selbst tragen könnt”, hieß es. Damals war uns noch nicht klar, dass wir wohl nie wieder einen Fuß auf die Erde setzen würden. Wir nahmen also mit, was wir tragen konnten ... und was für uns von Wert war. Und jetzt ist dieser Flitterkram das Einzige, was von der Erde übrig geblieben ist. Und da ist noch eine Sache, die wir alle mitnehmen konnten. Unsere Erinnerungen.

Mein Name ist Bishop, und ich bin schon länger hier auf Foreas als die meisten anderen. Ich gehörte zu den Ersten, die evakuiert wurden, und seitdem bin ich hier. Vor ein paar Monaten wurde mir zum ersten Mal ein Kommando anvertraut ... Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet mir. Aber gut, hier bin ich nun und trage die Verantwortung für die Männer und Frauen, die unter meinem Befehl stehen. Manchmal scheint es mir, als würde jenes andere Leben, das ich auf der Erde zurückließ, nur in meiner Erinnerung existieren.

Na ja, vielleicht ist “zurückließ” nicht das richtige Wort. Es wurde mir eigentlich eher “genommen”. Alles wurde uns genommen - außer unseren Erinnerungen. Und mit jedem Jahr, das wir kämpfen, ehren wir diese Erinnerungen und die Erinnerungen derer, die gefallen sind. In ein paar Wochen, am 21. Dezember, feiern wir wieder unsere Gedenktage.

imageUnser Geschwader war in den letzten Monaten in der Schlangengrube stationiert und ich habe ein paar neue Rekruten, die für die Feiern gerne zur Foreas-Basis zurückkehren würden. Wir feiern zwar in allen AFS-Basen auf allen Planeten, auf denen wir kämpfen ... aber das größte Ding lief immer in der Foreas-Basis. Dieses Jahr sieht’s aber leider nicht gut aus. Wir verzeichnen in diesem Gebiet gesteigerte Bane-Aktivität, was wiederum die Aggressivität der einheimischen Tierwelt erhöht hat. Wir kriegen’s also knüppeldick von beiden Seiten, da ist an eine kleine Verschnaufpause momentan nicht zu denken. Aber wir halten dennoch unsere Traditionen in Ehren. Ich habe gesehen, wie Private Harris ein paar Foreanische Callafarnwedel zermahlen hat, um sich die Handschuhe für den Tag der Niederlage zu färben.

Der Tag der Niederlage der Erde wird jedes Jahr am 21. begangen ... am Tag, an dem die Bane die Erde überfallen haben. In einigen der größeren AFS-Basen findet jedes Jahr eine große Gedenkveranstaltung statt. Aber jeder Soldat, ganz gleich, wo er sich aufhält, gedenkt an diesem Tag des Verlustes der Erde sowie des Verlustes unserer Verwandten und Freunde, indem er eine Schweigeminute einhält. In diesem Augenblick herrscht eine geradezu unheimliche Stille. Ich weiß noch, wie ich am ersten Gedenktag in einem Schützengraben hockte. Überall Geschrei und Gewehrschüsse ... und dann, zur verabredeten Zeit, die jedes Jahr leicht variiert, damit die Bane nichts mitkriegen - einfach Stille. Wir hielten allesamt für einen Augenblick inne, senkten die Köpfe, um der Gefallenen zu gedenken sowie jener, denen es nicht gelungen war, die Erde zu verlassen, ehe sie überrannt wurde. In diesem Augenblick der Stille liegt unser gesamtes Menschsein und eben dieses Menschsein gibt uns die Kraft, diesen Krieg durchzustehen.

Damals begannen wir damit, unsere Waffen zu färben, mit selbstgemachten Farbstoffen, die wir aus einheimischen Pflanzen gewonnen hatten. In Rot, um das vergossene Blut zu symbolisieren. Alle färben etwas anderes ein, etwas, das eine besondere Bedeutung für sie hat. Ich färbe meine Stiefel ein ... als Symbol für den Marsch zur AFS-Sicherheitszone, an dem Tag, an dem ich nach Foreas teleportiert wurde. Auf dem Weg dorthin durchquerte unser Trupp eine Art Fluss. Wir dachten uns nichts dabei, obwohl ich doch leicht genervt war. Ich war nicht nur hungrig und müde und wurde beschossen, jetzt waren auch noch meine Füße nass. Als ich im AFS-Flüchtlingslager ankam, zog ich als Allererstes meine nassen Stiefel aus. Und da bemerkte ich, dass meine Stiefel rote Flecken hatten. Wir hatten keinen gewöhnlichen Fluss durchquert, sondern einen Fluss, der vom Blut der Gefallenen besudelt war.

Als der Brauch aufkam, unsere Ausrüstung zu färben, habe ich daher meine Stiefel dunkelrot gefärbt. Harris färbt seine Handschuhe, im Gedenken an seinen kleinen Sohn, der von einem Lasergewehr der Thrax getroffen wurde und in seinen Armen starb. Baker färbt ihre Schutzbrille, um all die Toten zu ehren, die sie gesehen hat. Die Farbe verblasst irgendwann, aber sie hält unsere Erinnerung wach, bei jedem auf seine eigene Weise.

Im Jahr nach der Invasion der Bane auf der Erde ist viel geschehen. Als die Ersten von uns in Gruppen nach Foreas kamen, war es wie eine andere Realität. Es war wie Urlaub in Florida, aber mitten in einem Kriegsgebiet. Und dann diese Außerirdischen ... Ich kann sie nicht vergessen. Ich weiß noch genau, als ich zum ersten Mal einen Foreaner gesehen habe. Ich dachte: “Grün ...? Es gibt ja wirklich grüne Männlein.” Und ich fühlte mich wie in einer Folge von Akte X. Oder als hätte ich einen echt lebhaften Traum, aus dem ich gleich aufwachen würde, um mich dann im Bett herumzudrehen und meiner Frau davon zu erzählen.

imageAber es war kein Traum. Wir bekamen Kampftraining und einen Schnellkurs in Waffenhandhabung und Erster Hilfe. Einige von uns wurden zu Medien ausgebildet, ohne dass wir wussten, was das war. Ich allerdings nicht. Ich bin ja bloß ein einfacher Soldat mit ‘nem Lasergewehr. Aber die Medien waren anders. Als sie zurückkehrten, konnten sie unglaubliche Dinge tun, die ich bis heute nicht ganz verstanden habe. In unserem Geschwader gibt es drei Medien. Eines von ihnen, Jackson, kann sich in einen Thrax verwandeln. Als ich ihr das erste Mal dabei zusah, fiel ich beinahe in Ohnmacht. Ich musste ihr untersagen, sich in dieser Gestalt an die anderen heranzuschleichen, wenn wir im Lager waren. Beim ersten Mal war das ja ganz lustig, aber es sieht einfach so verdammt echt aus. Mehr als einmal hat sie damit jemanden dermaßen erschreckt, dass sie beinahe erschossen worden wäre.

Das erste Jahr war schlimm. Den Bane war es gelungen, die Front fast bis zur Wildnis vorzuschieben. Die Foreaner hatten große Schwierigkeiten, sie in Schach zu halten, und kämpften nur ungern an unserer Seite. Aber wir machten Fortschritte. Zusammen konnten wir etwas bewirken. Und wir holten uns Meter um Meter von den Bane zurück. Dann aber geschah etwas, das beinahe das zerbrechliche Bündnis zwischen unseren beiden Völkern zerstört hätte.

Die Bane nahmen die Foreas-Basis ein, kurz nachdem sie unseren Planeten überfallen hatten. Das war die allererste Basis, die Menschen und Foreaner gemeinsam errichtet hatten. Und zwar noch bevor die AFS überhaupt gegründet wurden, fast 5 Jahre vor der Invasion der Erde. Unsere brüchige Beziehung zu den Foreanern erlitt dadurch einen schweren Dämpfer. Sie zögerten danach noch mehr, an unserer Seite zu kämpfen. Deshalb planten und koordinierten die damaligen Anführer der Menschen zusammen mit einer Handvoll Foreaner eine Schlacht, denn sie hielten unser Bündnis für überlebenswichtig und erhofften sich davon sogar den Sieg über die Bane.

Unser Plan war, die Foreas-Basis am Jahrestag der Invasion der Erde zurückzuerobern. Die Generäle waren der Meinung, das würde die Moral heben, denn die meisten von uns waren am Boden zerstört. Und sie hatten Recht ... Es wurde ordentlich gefeiert, als wir die Basis endlich gesichert hatten. Aber der Kampf selbst war brutal. Wir waren damals alle noch Rekruten und grün hinter den Ohren. Trotz all unserer strategischen Planung und unserer geballten Feuerkraft benötigten wir zwei Tage, um Crusty aus der Basis zu verjagen. Doch am 22. gelang es den gemeinschaftlich agierenden Truppen von Menschen und Foreanern, die Bane aus der Foreas-Basis zu vertreiben. Ein großer Sieg, taktisch wie symbolisch. Damals wussten wir es noch nicht, aber mit dieser Schlacht haben wir dem Volk der Foreaner endlich unseren wahren Wert unter Beweis gestellt. Sie hat dem Abkommen den Weg geebnet, aus dem die heutigen AFS entstanden.

imageNach dem Kampf gab es eine große Feier. Weil wir keine Feuerwerkskörper hatten, feuerten wir einfach aus unseren Maschinengewehren und Raketenwerfern und aus allem, was möglichst viel Lärm machte und leuchtete. An die Bestimmungen wegen Munitionsknappheit hielt sich in dem Moment niemand mehr. Es war ein Augenblick der reinen Freude. Den wir seitdem jedes Jahr wiederholen. Irgendjemand meinte, wir sollten diesen Tag den Tag der Wiederauferstehung nennen, und dabei blieb es. Denn es war ja tatsächlich der Tag, an dem wir endlich wieder aufstanden und den Bane zeigten, wozu wir fähig waren, und dass wir nicht so einfach aufgeben würden. Wir haben ihnen gezeigt, dass wir kämpfen bis zum letzten Atemzug.

Die Bane haben aber auch ihrerseits eine kleine Tradition entwickelt. An jedem 22. Dezember versuchen sie, die Foreas-Basis wieder einzunehmen, und zwar mit zunehmender Vehemenz, aber bis jetzt gelang es den AFS, die Basis unter ihrer Kontrolle zu behalten. Nach dem ersten Angriff der Bane errichteten wir eine Schutzmauer innerhalb der Foreas-Basis, um eine Rückzugsmöglichkeit zu haben für den Fall, dass es den Bane je gelänge, das Vordertor zu durchbrechen. Ich war gerade dort stationiert, als die Mauer fertiggestellt wurde ... Wir waren alle total aufgeregt, und jeder einzelne Soldat hat seinen Namen auf die Mauer geschrieben, als Ausdruck der Treue zu den AFS und als Schwur, die Bane zu besiegen. Die Tinte verblasste nach dem ersten Regen, der schließlich alles fortspülte. Nichts wies mehr darauf hin, dass unsere Namen sich je dort befanden. Das Entscheidende aber war das Unterzeichnen an sich. Wir hatten unsere Namen auf diese Steine geschrieben und damit einen Schwur getan, den niemand wieder fortwischen konnte. Deswegen will ich mit meinem Trupp zurück zur Foreas-Basis, denn es gibt noch einige, die ihren Namen nicht auf die Mauer geschrieben haben. Für uns ist es inzwischen so wichtig wie das Veteranendenkmal früher auf der Erde. Der einzige Unterschied besteht darin, dass diese Mauer zu einem Denkmal für die Lebenden geworden ist, zu Ehren der Gefallenen, und die Soldaten schreiben ihren Namen darauf, solange sie noch atmen.

Vielleicht sind die Erinnerungen gar nicht das Einzige, das uns noch bleibt. Vielleicht ist das Wichtigste, das wir noch haben, die Hoffnung. Die Hoffnung, dass wir die Bane irgendwann besiegen werden. Die Hoffnung, dass wir lange genug überleben werden, um unseren Namen auf diese Mauer zu schreiben. Die Hoffnung, dass wir vielleicht doch irgendwann wieder unseren Fuß auf die Erde setzen. Und die Hoffnung, dass wir eines Tages damit beginnen können, neue Erinnerungen zu schaffen, die uns begleiten.